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Der Prozess (Eberhard Fechner)

Eine Darstellung des Majdanek-Verfahrens in Düsseldorf

Eine Darstellung des sogenannten "Majdanek-Verfahrens" gegen Angehörige des Konzentrationslagers Lublin/Majdanek in Düsseldorf von 1975 bis 1981. Der Prozeß. Eine Darstellung des Majdanek-Verfahrens in Düsseldorf Teil 1: Anklage Teil 2: Beweisaufnahme Teil 3: Urteile

Verlag Absolut Medien
ISBN 9783848820016
2016

1. Auflage . 2016 . Die großen Dokumentaristen . PRODUCTCODE_VI .

DVD

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Über den Artikel

Eine Darstellung des sogenannten "Majdanek-Verfahrens" gegen Angehörige des Konzentrationslagers Lublin/Majdanek in Düsseldorf von 1975 bis 1981.

Der Prozeß. Eine Darstellung des Majdanek-Verfahrens in Düsseldorf
Teil 1: Anklage
Teil 2: Beweisaufnahme
Teil 3: Urteile

In über 8jähriger Arbeit entstand der Film DER PROZESS über die juristische Aufbereitung der Nazi Verbrechen im Konzentrationslager Majdanek. Es war das erste große Arbeits- und Todeslager, das von den Russen befreit wurde. Innerhalb von drei Jahren wurden dort mindestens 250 000 Menschen umgebracht: erschossen, vergast, erschlagen.

Das sogenannte “Majdanek-Verfahrens” gegen Angehörige des KZs in Düsseldorf von 1975- 1981 ist das längste Strafverfahren in der Justizgeschichte der BRD. Aus 70 Interviews mit Richtern und Angeklagten, Opfern und Zeugen, aus Dokumentarfilmen und Fotos, Prozessberichten und Akten stellte Eberhard Fechner Geschehnisse wie Prozessverlauf nach. Am 30.Juni 1981 wurden die Urteile gesprochen und im Winter 1983/84 beendete Eberhard Fechner seine Arbeit. Für ihn selbst die wichtigste seiner zahlreichen wie legendären Filmarbeiten.

Am 22.Juli 1944 besetzten sowjetische Truppen bei ihrem Vorstoß durch Ost-Polen das Konzentrationslager Majdanek. Es war das erste große Arbeits- und Todeslager, das von den Alliierten befreit wurde. In Majdanek wurden innerhalb von drei Jahren mindestens 250 000 Menschen umgebracht: erschossen, vergast,erschlagen. Als die Rote Armee in Lublin einrückte, waren nur noch etwa 1000 Häftlinge im Lager und 6 Mitglieder der Wachmannschaften,
denen bereits 1944 in Polen der Prozess gemacht wurde.

In über 8jähriger Arbeit entstand der Film DER PROZESS. Aus 70 Interviews mit Richtern und Angeklagten, Opfern und Zeugen, aus Dokumentarfilmen und Fotos, Prozessberichten und Akten versuchte Eberhard Fechner ein Darstellung des sogenannten " Majdanek-Verfahrens" gegen Angehörige des Konzentrationslagers Lublin/ Majdanek in Düsseldorf von 1975- 1981 des längsten Strafverfahrens in der Justizgeschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Am 30.Juni 1981 wurden die Urteile gesprochen und im Winter 1983/84 beendete Eberhard Fechner seine Arbeit. Noch durfte “DER PROZESS” allerdings nicht gezeigt werden. Den Beteiligten war versprochen worden, dass der Film erst gesendet werden sollte, wenn die Urteile rechtskräftig geworden wären, d.h. nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs über die Revisionsanträge.
Ende Juni 1984 war es soweit: 40 Jahre nach der Befreiung des Lagers Majdanek, achteinhalb Jahre nach der Eröffnung des Verfahrens in Düsseldorf, acht Jahre nachdem Eberhard Fechner seine Arbeit begonnen hatte, konnte der Film endlich öffentlich vorgeführt werden.

Eberhard Fechner: Über die Entstehung der NDR-Produktion DER PROZESS

Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb Alexander von Humboldt: „Ein Volk, das keine Vergangenheit haben will, verdient auch keine Zukunft." Der Film DER PROZESS ist ohne Zweifel durch einige Besonderheiten unwiederholbar, weil hier zum ersten Mal ein Prozess gegen nationalsozialistische Gewaltverbrecher im Film umfassend und detailliert dargestellt worden ist. Alles an diesem Prozess — und damit auch an dem Filmvorhaben — ist monströs gewesen. Einige Fakten und Zahlen lassen das deutlich werden: Es war das längste Strafverfahren in der Justizgeschichte der Bundesrepublik. Der Grund dafür ist einmal darin zu suchen, dass man in Düsseldorf über Verbrechen zu Gericht saß, die vor mehr als 35 Jahren begangen worden waren, und zum anderen deshalb, weil für die Beweisführung der Anklage praktisch nur Zeugenaussagen zur Verfügung standen.

Acht Jahre lang habe ich mit Unterbrechungen an dem Film gearbeitet. In 105 Drehtagen wurden, zum Teil mehrfach, interviewt: Der Vorsitzende Richter des Verfahrens, die beiden Schöffen, drei Ermittler, die beiden Vertreter der Staatsanwaltschaft, zwei Nebenkläger, elf Verteidiger, der historische Sachverständige, sieben Prozessbeobachter (darunter ein Journalist, der an den meisten der insgesamt 475 Verhandlungstagen im Gerichtssaal saß, ein polnischer Filmemacher, der im Juli 1944 die Befreiung des Lagers Lublin/Majdanek filmte und dessen Aufnahmen glücklicherweise erhalten geblieben sind), 26 Zeugen, ehemalige Häftlinge, und fünf weitere, die zu den SS-Bewachern des Lagers gehört hatten, eine freiwillige Betreuerin der Zeugen, ein ehemaliger Kapo von Majdanek, der 1979 in einem abgetrennten Verfahren in Hannover wegen Beihilfe zum Mord verurteilt worden ist — und schließlich fünf der Angeklagten, die in Düsseldorf nur ein einziges Mal bereit waren, sich zu äußern: in ihren Schlussworten. Wobei sie nichts anderes taten, als ihre Unschuld zu beteuern. Im Gegensatz zu ihrem Verhalten vor Gericht waren diese fünf, von denen vier rechtskräftig verurteilt worden sind, bereit, im Laufe der Jahre mehrfach vor der Kamera auszusagen. Sie berichteten ausführlich aus ihrer Sicht über das Geschehen in Lublin/Majdanek und über den Prozessverlauf in Düsseldorf.

Insgesamt 70 Interviews habe ich mit verschiedenen Aufnahmeteams des NDR in 20 Städten der Bundesrepublik, Österreichs, Polens und Israels aufgenommen. Dann sichtete ich in Archiven in Warschau, Lublin, Jerusalem und Ludwigsburg Tausende von Fotos, die zwischen 1940 und 1944 in Polen aufgenommen worden waren, und wählte mehrere hundert von ihnen für den Film aus. Dazu kam die Suche nach historischen Filmaufnahmen in Polen, England und der Bundesrepublik von der Befreiung des Lagers im Juli 1944. Ausschnitte aus der ZDF-Sendung Die Vergangenheit kehrt zurück wurden verwendet und Teile aus ‘Tagesschau’-Berichten über den Düsseldorfer Prozess. Zufällig stieß ich dabei auch auf eine polnische Wochenschau von 1946, die eine der Düsseldorfer Angeklagten im Auschwitz-Prozeß in Krakau zeigt.

28 000 Seiten umfassten die Beschuldigten-Bände der Anklage, die vor Prozessbeginn zusammengestellt worden waren, 507 Seiten stark waren die Anklageschriften, 795 Seiten dick die schriftliche Urteilsbegründung. Dazu kamen noch Tausende Seiten Plädoyers der Verteidiger und der Ankläger. Alles musste auf seine Verwendbarkeit für den Film geprüft werden. Allein die Abschriften der 70 Interviews sind über 8000 Seiten lang. 150 000 Meter Farbnegativmaterial wurden für die Interviews, die Fotomontagen und verschiedene andere Aufnahmen, wie zum Beispiel eine Ortsbesichtigung des Gerichts im Lager Lublin/Majdanek im März, 1976, verbraucht. 150 000 Meter Film, 230 Stunden Material, aus dem in über zwei Jahren ein dreiteiliger Film von insgesamt viereinhalb Stunden Länge wurde. Er enthält ausschließlich die Aussagen von Prozessbeteiligten. Nur die Augen und Ohrenzeugen von Düsseldorf und Majdanek kommen zu Wort (auf jeden Kommentar wird verzichtet).

Vorbild ist mir dabei Anton Cechov, der 1888 an einen Freund schrieb: „Der Künstler soll nicht Richter seiner Personen sein, sondern nur ein leidenschaftsloser Zeuge. Beurteilen werden es die Geschworenen, das heißt die Leser. Meine Sache ist nur die Fähigkeit zu besitzen, die wichtigen Äußerungen von den unwichtigen zu unterscheiden und sie in Beziehung zueinander zu setzen."
Bleibt noch zu berichten, was mit den 147 000 Metern Material geschehen soll, die nicht im Film Verwendung gefunden haben. Sie enthalten einzigartige Aussagen der Opfer und einiger Täter
von Majdanek. Sie alle erzählten von ihrem Leben, bevor sie freiwillig oder unfreiwillig ins Lager kamen, von ihrer Kindheit in Polen oder Deutschland, vom Krieg, von den Ghettos, von der SS. Und man erfährt von ihnen, was sie am Ende des Krieges und danach erlebt haben.

Üblicherweise werden das Bild- und Tonmaterial, das bei einem Film am Ende unverwendet bleibt, vernichtet. Diesmal sollen die Berichte der letzten Überlebenden des unbegreiflichsten und entsetzlichsten Kapitels deutscher Geschichte als unwiederbringliche Zeugnisse erhalten werden. Darum wird das Restmaterial im Bundesarchiv in Koblenz eingelagert, um als Quelle für die historische
Forschung zur Verfügung zu stehen.

Zum Schluss möchte ich noch von einem Erlebnis berichten, das, wie mir scheint, deutlich macht, in welcher Welt wir uns während unserer achtjährigen Arbeit bewegt haben. Als das NDR-Aufnahmeteam und ich zu einer ehemaligen SS-Aufseherin von Majdanek kamen, die in Düsseldorf als Zeugin aufgetreten war, geschah etwas, das uns anfänglich unbegreiflich erschien:
Nachdem wir unsere Geräte aufgebaut hatten, drückte sie ihren beiden halbwüchsigen Kindern Geld in die Hand und schickte schickte sie fort — ‘ins Kino’. Als ich ihr sagte, dass uns die Anwesenheit ihrer Kinder nicht stören würde, beeilte sie sich noch mehr, diese loszuwerden. Nachdem die beiden gegangen waren, fragte ich die Frau, warum sie sie fortgeschickt hätte. — ,Ja, glauben Sie, die wissen, wo ich damals gewesen bin und was ich dort getan habe? " — „Wie hätte ich sie denn dann erziehen sollen? " — Ich fragte, ob sie sich das mit dem Interview anders überlegt hätte. — „Wieso? " — Ich versuchte ihr klarzumachen, daß ihre Kinder später durch den geplanten Film alles erfahren würden. — „Ach“, meinte sie da, „das ist was anderes. Da erfahren sie es ja durchs Fernsehen." Eingebettet in die Aussagen und Berichte anderer und mit der Distanz des Bildschirms erschien ihr die Aufklärung ihrer Kinder über ihre Vergangenheit leichter als in der direkten Konfrontation. Man kann aber auch sagen, ohne den Film hätte sie nie den Versuch gemacht, mit ihren Kindern darüber zu sprechen.

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